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Wer wird Milliardär?

Das berühmteste Ratespiel der Geschichte dürfte weltweit das TV-Format "Wer
wird Millionär?" sein. Im Libanon müsste dieses Rätsel in Regierungskreisen
eher "Wer wird Milliardär?", besser: "Wer wird der nächste Milliardär?"
heißen. Nicht etwa, dass dem die längst zusammengebrochene Landeswährung
(der legendäre libanesische Pfund) zu Grunde läge, nein, die Rede ist hier
von US-Dollar-Milliarden...

Rückblende:

Libanon, am 26.04.2005

Die große Welle der "Zedernrevolution" schwemmt die syrischen
Besatzer nach 30 Jahren über die Grenze wieder zurück in deren, von
Geheimdiensten kontrolliertes, "Schneckenhaus".

Der eiserne Handschuh des, eigentlich nur Hilfe stellenden, syrischen
Militärs scheint von dannen zu sein, liegt aber, bei genauer Betrachtung,
wie ein Bleiklotz am Bein des kleinen, schwerhinkenden Zedernstaats.
Für jedes verübte Attentat im Libanon wird sofort der ungeliebte Nachbar als
Schuldiger ausgemacht. Eine besonders auffällige Rolle spielt dabei der
deutsche Staatsanwalt und ehemalige UNO-Ermittler Detlef Mehlis.
Skurrilerweise, macht er mittlerweile die syrische Regierung, für sämtliche
Verbrechen in der Region, so zusagen vorab und pauschal, verantwortlich. Was
der tatsächlichen Wahrheitsfindung nicht wirklich dient, sondern diese eher
behindert. Beweise für syrische Beteiligungen an den vielen Politikermorden
der letzten Jahre scheint es, erstaunlicher Weise, nicht zu geben.
Nicht, dass man dem syrischen Geheimdienst und seiner libanesischen Schergen
Grausamkeiten dieser Art nicht zu trauen würden, im Gegenteil: Viele der
mittlerweile im Exil lebenden Libanesen mussten über Jahre "syrisches" Leid
erleben und ertragen. Sie und ihre im Libanon lebenden Familien wurden
jahrelang bedroht, teilweise gefoltert und dürfen gar bis heute nicht in
ihre Heimat reisen, ohne mit schwersten Repressalien zu rechnen.
Noch heute sitzen einige Tausende, zu meist politische Gefangene, unter
schlimmsten Bedingungen, hinter syrischen Gittern. Viele von ihnen gelten
mittlerweile als vermisst, einige nahmen sich sogar das Leben, und die
wenigen, die es "rausschafften", sind durch das Erlebte für immer gestraft.
Eine schwere, kaum zu ertragende Erbschaft 30-jährigen Despotismus'.
Nur: den Syrern allein die Schuld an allen Missständen und Versäumnissen des
Libanon in die Schuhe zu schieben, ohne den Hauch von Reflektion oder gar
Einsicht, ist ein Farce sondergleichen...


Heute:

Libanon, am 26.04.2007

Wir glauben unseren Augen kaum: Ein Haufen milliardenschwerer syrischer
Kollaborateure tummelt sich, statt in den Gefängnissen der libanesischen
Hauptstadt, in deren Parlamentsgebäude herum, skandiert, urplötzlich
anti-syrische Parolen und proklamiert einen "neuen", "unabhängigen",
"demokratischen" Libanon. Ein falscher Film? Oder eine Neuauflage der
Legende von Ali Baba und seiner 40 Räuber? Da schummelt sich der saudische
Staatsbürger und Märtyrersohn Saad el-Hariri (Die Hariris hätten ohne die
Syrer niemals die Macht im Libanon und mitnichten so viel Geld und Reichtum
erlangt) in das libanesische Abgeordnetenhaus, verteilt großzügig (gemeinsam
mit den Syrern geklaute) libanesische Staatsgelder, und erkauft sich damit
u.a. die Gunst des Drusischen Fürstensohns Walid-Beik Dschumblatt (einem
ehemaligen Chou-Chou der syrischen Herrscherfamilie Assad), die Zuneigung
des Patriarchen von Antiochien samt seiner kompletten Bischofskonferenz und
diverse Muttergefühle einer armen, bemitleidenswerten Präsidentenwitwe...
Hariri hat leichtes Spiel, denn er muss lediglich eine einzige Frage stellen
("Wer wird Milliardär?") und schon kloppen sich sämtliche Anwärter um den
berühmten Stuhl in der Mitte... Nur hier gelten andere Regeln, als beim
Fernsehratespiel: das meiste Geld erhält derjenige, der die Syrer am
lautesten und am übelsten beschimpft...

Wenn die Situation nicht so verdammt ernst wäre, könnte man über diese
Groteske wirklich lachen. Obendrein kauft der Westen, vor allen die Europäer,
ganz vorne die Deutschen, diese miserabel gespielte, anti-syrische
Seifenoper komplett ab, was die Wut der meisten Libanesen umso größer
werden lässt.

Lassen wir die Geschichte des Libanon Revue passieren, stellen wir fest, dass
dieses Land nie wirklich unabhängig war. Zu tief schienen der Graben zwischen
den einzelnen Religionsgruppen und deren ausländische Paten zu sein.
Heute, im April 2007 besitzt der Libanon die historische Chance, die Fehler
der Vergangenheit auszubügeln, eine (libanesische) Stunde 0 zu kreieren, mit
Reformen und Neuwahlen eine neue Ära ein zu läuten. Ein sozioökonomischer
Aufschwung kann doch nur von Statten gehen, wenn die oligarchischen
Milliardäre aufhören, noch mehr Milliarden Staatsgelder (wie z.B.
8-Mrd.-ParisIII-Dollar, oder Erträge in Milliarden-Höhe durch die anstehende
Anhebung der Mehrwertsteuer von 10 % auf 18 %!!!) ab zu greifen.
Zudem braucht der Libanon eine säkulare Staatsordnung, damit selbsternannte
religiöse "Fürsten", nicht mit Demagogie Massen mobilisieren können, sondern
die besten Konzepte das Land frei, souverän, selbst bestimmt und
pluralistisch regieren, ohne Korruption und fremde Patenschaften
französischen, saudischen, iranischen, us-amerikanischen oder gar syrischen
Ursprungs.

Appendix:

Heidelberg am 28.04.2007

Im schönen Baden-Württemberg "feiert" der
Freiheitliche-Libanesische-Freundeskreis das zweite Jahr der libanesischen
Befreiung von der syrischen Besatzung. Ausgelassene Feierstimmung wird wohl
nicht aufkommen, denn das libanesische Volk wird noch immer, von den
gleichen "Herrschaften" regiert, belogen, ausgenutzt und benutzt, wie zur
schlimmsten Zeit syrischer Okkupation. Unsere Landsleute sitzen noch immer
in syrischen bzw. in israelischen Gefängnissen, während die eigentlichen
(libanesischen) Verbrecher der letzten 30 Jahre frei herum laufen.
Ihr Auftrag: einen neuen Libanon um jeden Preis zu verhindern, schließlich
wollen ja noch einige den Sprung auf den berühmten Stuhl, bzw. in den Club
der Milliardäre schaffen.

Freie, patriotische Grüsse,

Raymond Tarabay, in Adma - Kesrouan/Libanon, am 25.04.2007