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Hans Küng - Theologe mit Weitsicht und Verstand

Hans Küng über den Islam, die Politik und die USA

«Die Mehrheit der Muslime ist ja der Meinung, dass sie in den letzten 200 Jahren ständig in der Defensive waren. Man kann nicht leugnen, dass von Marokko bis Indonesien, der ganze grüne Gürtel, unter westlicher Kontrolle war, militärisch, wirtschaftlich, kulturell. Und damals hatte man nicht im Geringsten daran gedacht Menschenrechte einzuführen. Die Muslime haben heute den Eindruck, dass wir die Geschichte des Kolonialismus und Imperialismus vergessen haben. Wir führen uns heute als Friedensfreunde auf. Und die Muslime fühlen sich an die unselige Zeit des Kolonialismus erinnert und sagen: "Ihr habt einen unnötigen Krieg in Afghanistan geführt, weil man gegen ein Netzwerk nicht mit Panzern und Flugzeugen angehen kann. Zweitens habt ihr einen völkerrechtswidrigen und unmoralischen Krieg im Irak angezettelt der auf einem orwellschen Lügengebäude aufbaut. Drittens sind die ständigen Hintertreibungen des Palästinenserstaates mit den ständigen Ausdehnungen von jüdischen Siedlungen zu nennen. Schliesslich der Überfall des Libanon." Das ist doch die Lage: Und jetzt sagen wir die Muslime sind die Aggressoren. Das geht doch nicht. Welches islamische Land hat denn in den letzten 200 Jahren ein christliches Land angegriffen? Kein einziges.»

Dass Busch mit seiner Offensive nur auf Anschläge des 11. September reagiert habe, lässt Küng nicht gelten. «Der 11. September war schon eine Folge dieser ganzen Politik. Da sind schon amerikanische Truppen in Arabien gestanden - eine schwere Beleidigung für die Muslime. Und in Afghanistan veränderte sich die Situation: Bin Laden war ein Verbündeter der Amerikaner und ist erst mit der Zeit Ihr Gegner geworden. Das alles hat mit der zunehmend aggressiven Politik des Westens und der Amerikaner zu tun:
Schon das erste Manifest von Wolfowitz, Cheney und Ruinsfeld von 1993 beinhaltete das ganze politische Propgramm.»

Nach Küng können wir uns jedenfalls nicht darüber beklagen, dass die Muslime in Deutschland und in der Schweiz im Nachgang zum 11. September oder nach den dänischen Karikaturen über die Schnur geschlagen hätten. Das seien doch höchst vernünftige Leute. Im gleichen Atemzug betont Küng die enorm wichtige Funktion der muslimischen Diaspora. «So wie etwa in der Zeit des Hellenismus das Judentum der Diaspora eine zentrale Rolle gespielt hat, spielt heute der Islam der Diaspora eine wichtige Rolle. Die muslimische Diaspora wirkt sich bereits in der Türkei und in vielen anderen arabischen Ländern aus. Es gibt heute in Europa Millionen von Muslimen aus der zweiten und dritten Generation. Und es gibt auch immer mehr gebildete Leute unter den Muslimen, nicht nur sogenannte Gastarbeiter.» Speziell mit diesen «immer kompetenteren Gesprächspartnern» will Küng in Dialog kommen. Und so sein «Projekt Weltethos» auf die Ebene der Praxis holen.


Auszug aus einem Interview mit Hans Küng, Theologe "Der Globalisierer des Ethos"


Quelle: MZ vom 2.12.06


Ja, hätte Bush und seine amerikanischen und britischen Mittäter auch nur ein Funken von Hans Küngs Verstand, könnten wir in einer friedlicheren Welt leben.